1. Aktivitäten des Alltags (ADL)

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Bei Amputationen der oberen Extremität ergeben sich für die Betroffenen viele Einschränkungen im Alltag. In der Therapie werden die Einschränkungen und Barrieren analysiert und neue Strategien entwickelt, um diese zu überwinden. Einerseits lässt sich dies über Verhaltensänderungen erreichen, andererseits über die Nutzung von Hilfsmitteln und im weiteren Verlauf über das Training zum Umgang mit der Prothese. Jedoch können weder eine mechanische noch eine hochmoderne myoelektrische Prothese die komplexe Feinmotorik unserer Hände vollständig ersetzen oder ausgleichen. Prothesen sind nützliche Werkzeuge für viele Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) sowie für viele Aufgaben, die eine Beidhändigkeit voraussetzen. Es ist wichtig, dass jeder Armamputierte lernt, auch ohne Prothese zurecht zu kommen. Eine Versorgung mit Hilfsmitteln sollten dennoch frühzeitig erfolgen, um zeitnah eine größtmögliche Selbstständigkeit im Alltag zu erreichen.

  • Jede*r Patient*in hat Ziele, die zu erfragen und dementsprechend individuell zu trainieren sind.
  • Sehr wichtig sind der einhändige Einsatz der Prothesenhand sowie beidhändige Tätigkeiten. So können u.a. Überlastungen der erhaltenen Seite vermieden werden.
  • Um mit der/dem Betroffenen gemeinsam prüfen zu können, wo im Alltag Barrieren zu erwarten sind, ist es sinnvoll einen normalen Tagesablauf durchzugehen und zu notieren wo derzeit Schwierigkeiten auftreten oder zukünftig möglicherweise zu erwarten sind, und aus diesen dann Ziele für die Therapie zu entwickeln.
  • In der Ergotherapie gilt es, verbliebene Ressourcen zu nutzen und neue Kompensationsstrategien zu entwickeln.
  • Wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, werden Hilfsmittel hinzugezogen und nur, wenn unbedingt nötig, die Hilfe dritter in Anspruch genommen.

Analyse des Tagesprofils:

Badezimmer:

  • Nutzung der Dusche / Waschen:
    • Duschgel oder Shampoo aus Plastikflaschen sind einhändig je nach Verpackung schwer nutzbar.
    • Seife, festes Shampoo oder Seifenspender die an der Wand montiert sind, erleichtern das Duschen und sparen Zeit. 
    • Da man nur eine Hand hat, um sich festzuhalten, wenn man wegrutscht, sollte bei älteren Personen oder bei entsprechenden Begleiterkrankungen über eine Sitzgelegenheit wie einen Hocker oder ein Duschbrett in der Dusche bzw. zusätzliche Haltegriffe nachgedacht werden.
    • Sehr hilfreich sind rutschfeste Matten in der Dusche oder Badewanne, die mit Saugnäpfen befestigt werden und ein Wegrutschen verhindern.
    • Vor der Dusche oder Badewanne sollte ein Badeteppich oder Handtuch auf den Fliesen mit rutschfester Unterseite platziert werden, um ein Wegrutschen auf nassen Fliesen zu verhindern.
  • Abtrocknen / Föhnen / Kämmen / Frisieren:
    • Bademantel erleichtert das Abtrocknen, da er viele Körperpartien bedeckt und das Wasser der Bereiche aufnimmt, die nicht aktiv mit einer Hand abgetrocknet werden können.  
    • Das Föhnen mit gleichzeitiger Nutzung eines Kamms ist später mit einer Unterarmprothese, die eine Greiffunktion beinhaltet, möglich.
    • Wenn man den Föhn an der Wand befestigt, so dass man sich darunter stellen kann, hat man die verbliebene Hand frei, um einen Kamm einzusetzen.
    • Ein Diffusor-Aufsatz verwirbelt lange Haare weniger stark.
    • Man kann als Befestigung zum Beispiel eine Halterung nutzen, wie man sie auch für Smartphones oder Tablets verwendet.
  • Einen Pferdeschwanz machen:
    • Das Frisieren von lange Haare erfordert etwas Übung. Um einen Pferdeschwanz zu machen, formt man mit einer Hand einen Dutt, über den man ein Haarband gleiten lässt. Das Haarband wird auf den vorderen Fingergliedern aufgespannt, damit man es durch Fingerbeugung abrollen lassen kann. Anschließend zieht man den Dutt hindurch und auseinander.


  • Zähne putzen:
    • Eine elektrische Zahnbürste erleichtert das Zähneputzen, wenn die Feinmotorik der nicht dominanten Hand erst trainiert werden muss.
    • Zahnpasta Tuben mit Schraub- und Klappdeckel lassen sich i.d.R. einhändig öffnen.
    • Sowohl bei elektrischen als bei herkömmlichen Zahnbürsten sollte man beim Kauf darauf achten, dass diese stabil auf ihrem Rücken liegen und nicht auf die Seite fallen. So kann einhändig Zahnpaste aufgebracht werden. Eine rutschfeste Unterlage erleichtert das Handling.
Rutschfeste Unterlage zur Unterstützung beim Vorbereiten der Zahnbürste. © S. Paulyn

An- und Auskleiden:

  • Das Ankleiden lässt sich mit etwas Übung schnell erlernen.
    • Das Anziehen von BHs:  Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Abhängig von der Höhe der Amputation kann teilweise der Oberarm genutzt werden, um eine Verschlussseite einzuklemmen. Wenn dies nicht möglich ist, klemmt man auf der betroffenen Seite zunächst eine Seite kurz zwischen Körper und Türrahmen ein, wobei der BH auf dem Kopf steht und sich die Körbchen am Rücken und der Verschluss vorn befinden. Man greift mit der nicht betroffenen Seite hinter den Rücken, zieht die andere Seite vor die Brust und hakt sie ein. Dann zieht man den BH mit den Körbchen nach vorn und klappt ihn hoch.  Mit der betroffenen Seite zieht man den ersten Träger an, danach den zweiten mit der nicht betroffenen Seite.

Anziehen eines BHs. © O. Seifert, MHH
  • Um das Anziehen z.B. eines Pullovers zu erleichtern, sollte eine myoelektrische Hand in einer möglichst schmalen Geste mit gestreckten Fingern eingestellt sein. 
    Zuerst wird der Prothensenarm durch Träger und Ärmel geführt. Damit die Prothesenhand nicht in Ärmeln festhängt, kann eine kleine Plastiktüte oder ein Frühstücksbeutel über die Hand gezogen werden. So gleiten Hände jeglicher Haptik durch die Ärmel.
  • Reißverschlüsse:
    • Es ist sinnvoll Kleidung mit leichtgängigen Reißverschlüssen zu nutzen. Ist die Kleidung groß genug, so hat dies den Vorteil, dass Jacken, Hosen oder Kleider getragen werden können, ohne das der Reißverschluss geöffnet und geschlossen werden muss. 
    • Der Zipper der gegenüberliegenden Seite muss auf Zug gehalten werden, damit beide Teile des Reißverschlusses zusammengefügt werden können. Hier kann man sich behelfen, indem man diese Seite mit dem Körper an der Wand oder einer Tischkante einklemmt.
Nutzung eines Reißverschlusses unter Fixierung. Nutzung eines einfach gleitenden Plastikbeutels um einfacher und sicherer mit dem Arm durch die Kleidung zu kommen. © O. Seifert, MHH; S. Paulyn
Verschiedene Möglichkeiten zum Anziehen der Schuhe: Schuhe mit Klettverschlüssen, Seilzugverschlüssen oder Boa-Verschlüssen (s. Video) lassen sich mit einer Hand einfach schließen. Sitzen die Schuhe fest genug, können die Schleifen vorgeknotet sein. Es gibt elastische Schnürsenkel aus Gummi oder Silikon.  © O. Seifert, MHH; S. Paulyn
Einsatz einer Knöpfhilfe: Lassen sich Knöpfe nicht einhändig schließen, so gibt es Knöpfhilfen. © S. Paulyn, Brandes & Diesing.

Essen zubereiten:

  • Damit Brot nicht einhändig geschnitten werden muss, kann bereits geschnittenes Brot gekauft werden. 
  • Beim Schmieren von Brot hilft ein Frühstücksbrett, das sich mit Saugnäpfen oder Schraubzwinge am Tisch befestigen lässt und eine Aufspießvorrichtung hat.  Selbstgebastelte Bretter mit rostfreien Nägeln können auf einer Antirutschfolie fixiert werden.
  • Zum Schneiden von Obst und Gemüse empfiehlt sich eine einhändig bedienbare Küchenmaschine. Zusätzlich gibt es Bretter mit Klemmvorrichtung, die viele Funktionen haben und das einhändige Schneiden, Reiben und Schälen ermöglichen.
    Außer Brot oder Gemüse kann man hier z. B. auch eine Dose einklemmen, um sie mit einer Hand zu öffnen.
  • Die Messer sollten stets scharf sein, damit weniger Kraft benötigt wird und damit man nicht abrutscht.
  • Sparschäler mit Saugnapf/Schraubzwinge: Um Kartoffeln, Äpfel oder ähnliches zu schälen kann man diesen an der Tischkante montieren und einen Mülleimer darunterstellen um die Schalen aufzufangen.
  • Beim Essen kann eine Tellerranderhöhung helfen, um das Essen nicht versehentlich über den Rand hinauszuschieben und es trotzdem auf die Gabel oder den Löffel zu bekommen. Um Reste von Soßen und Suppen essen zu können, gibt es spezielle Suppenteller, die schräg sind. Mit einem Keil als einseitige Tellerranderhöhung, wird der Teller schief und der Löffel kann auch in kleine Mengen eingetaucht werden. Der Teller sollte trotz Keil stabil stehen.
  • Um gekochte Speisen abzugießen, kann man den Topf mit einem Lappen an einem Griff halten und auf der Kante der Spüle absetzen. Den Inhalt gießt man direkt in ein Sieb.
Frühstücksbrett. © O. Seifert, MHH
Unterschiedliche Alltagshilfen rund um das Essen. © S. Paulyn, Brandes & Diesing
Essen zubereiten. © O. Seifert, MHH
Apfel - und Kartoffelschäler mit Saugnäpfen zum Einhandbetrieb. Anschließend kann der Apfel oder die Kartoffel mit einem Apfelschneider zerteilt werden. © M. Grewohl, MHH
Essen zubereiten mit der Anti-Rutschfolie. Da die Haltehand fehlt, können Teller beim Schneiden und Schüsseln beim Rühren wegrutschen. Um dies zu verhindern wird eine Antirutschfolie genutzt. Diese hat eine sehr hohe Haltekraft und kann in vielen Bereichen im Haushalt hilfreich sein. Es gibt sie von der Rolle zu kaufen, so dass man sie zuschneiden kann. Sie kann auch unter Gegenstände geklebt werden, um diese am Wegrutschen zu hindern. © O. Seifert, MHH

Transportieren von Gegenständen:

  • Einen Rucksack oder eine Tragetasche zu benutzen erleichtert viele Abläufe.
  • Eingurtrucksäcke / Sling back packs können auch mit einer Hand angezogen werden. Zunächst wird der obere Gurt über die Schulter gelegt. Durch eine Neigung des Kopfes kann er mit dem Kinn fixiert werden, bevor beide Gurte zusammen geklettet werden.  
  • Wird der Gurt über der Schulter des erhaltenen Armes getragen, rutscht er nicht so schnell von der Schulter (bei Oberarmamputation) oder provoziert auf der amputierten Seite den unerwünschten Schulterhochstand.
Eingurtrucksack. © S. Paulyn, Brandes & Diesing

Feinmotorik und Geschicklichkeit fördern:

  • Ist die dominante Extremität betroffen, fallen viele Tätigkeiten, die feinmotorisch und koordinativ anspruchsvoll sind, mit der nicht-dominanten Hand schwer. Dies liegt u.a. daran, dass sie bislang nicht geübt wurden.
  • Im Laufe der Zeit werden die Bewegungsabläufe koordinierter, sie erfordern weniger Energie und sie automatisieren sich.
  • Ein vollständiges Umlernen der Händigkeit, vor allem des Schreibens mit der Hand erfordert Geduld und Übung.
  • Das Schreiben von Texten wird durch speech-to-text Apps erleichtert. Nahezu jedes Smartphone ist mit entsprechenden Apps ausgestattet.
  • Ein Headset oder kabellose In-Ear-Kopfhörer ermöglichen eine freie Hand beim Telefonieren. Ist man allein, kann das Telefon auf Lautsprecher gestellt werden, während es z.B. auf dem Tisch liegt.
  • Es gibt zusätzliche Haltegriffe für Werkzeuge wie Besen oder Schaufeln, um im Verlauf auch mit einer Prothese diese Geräte wieder nutzen zu können.
Auch Bürotätigkeiten können durch gezieltes Üben und den Einsatz von Prothese und rutschfesten Unterlagen neu erlernt werden. © S. Paulyn, Brandes & Diesing
Feinmotorik: Dies sind Tätigkeiten die mit den Ergo- und Physiotherapeut*innen beübt werden müssen. © S. Paulyn, Brandes & Diesing
Haushaltstätigkeiten können geübt werden um im Alltag die Führung des eigenen Haushalts wieder selbständig zu erreichen. © S. Paulyn, Brandes & Diesing