7. Schwellung

Reiter

Nach der Amputation ist der Stumpf zunächst geschwollen. Das ist eine normale Reaktion des Körpers auf die Operation und wird als Ödem bezeichnet. Um die Flüssigkeit, die sich im Stumpf angesammelt hat, wieder zum Zirkulieren zu bringen, wird die sogenannte Lymphdrainage angewendet. Dabei dehnen und massieren Therapeuten vorsichtig die Haut des Stumpfes. Die Therapie trägt dazu bei, die Schwellung zu reduzieren und dadurch die Wundheilung zu beschleunigen.

Eine Schwellung ist eine Flüssigkeitsansammlung im Gewebe, ausgelöst durch Verletzungen/ Schädigungen der Lymphgefäße und/oder Lymphknoten oder einen entzündlichen Prozess.

Hintergrund der komplexen Entstauungstherapie

  • In Zentrum der Therapie steht die komplexe physikalische Entstauungstherapie, diese beinhaltet:
    • Manuelle Lymphdrainage (MLD)
      • Spezielle Massagetechnik die durch Grifftechniken (z.B. stehende Kreise, Dreh- und Schröpfgriff) die Gewegsflüssigkeit so verschiebt, dass die körperferne Schwellung abnimmt. Das geschieht durch den sanften rhythmischen Dehnreiz auf Haut und Gefäße, die eine Steigerung der Gefäß-Pump-Funktion (Lymphangiomotorik) der Lymphgefäße erzielt.
      • Man beginnt immer in der Nähe des Herzens (oberer Venenwinkel, Lymphknoten), da hier die Lymphe dem Blutkreislauf zugeführt wird und arbeitet sich langsam bis in die Peripherie zur betroffenen Region vor. 
    • Kompressionsbehandlung der betroffenen Extremität mit elastischer Binde oder Kompressions-Strümpfen
    • Bewegungs- und Atemtherapie
      • Durch die Aktivierung der Muskulatur und die forcierte Atmung wird der Lymphabfluss verbessert. In Kombination mit einer von außen angelegten Kompression können diese Effekte gesteigert werden = Bewegung unter Kompression.
    • Hautpflege
      • Der Stumpf sollte – bei geschlossener Wunde – einmal am Tag mit warmen Wasser und hautfreundlicher Seife gewaschen und abends mit feuchtigkeitsspendenden bzw. rückfettenden Pflegeprodukten eingecremt werden, damit Salbenrückstände über Nacht gut in die Haut einziehen können und somit z.B. ein Kompressionsliner oder in einer späteren Phase auch ein KBM-Schaft am nächsten Morgen problemlos anzuziehen ist.

Wickel

  • Durch das Wickeln des Stumpfes wird die Schwellung lokal verringert, oder sogar beseitigt, und der Stumpf für die Prothese geformt.
  • Das Stumpfwickeln kann am ersten postoperativen Tag beginnen. Es ist sinnvoll, dass die Patienten das Wickeln selber erlernt.
  • Kompressionsmaterial muss entfernt werden, wenn folgende Zeichen/Symptome durch Patienten berichtet werden:
    • Kältegefühl
    • Schmerzen
    • Gefühlsstörungen
    • Kribbelgefühl
    • VIDEO

Grundsätzlich gilt

  • Zum Körper hin mit abnehmenden Druck
  • Nicht zirkulär, sondern in Kornährentechnik
  • Auf Abschnürungen, Weichteilwülste und Schmerzen achten.

Wickel bei Unterschenkelamputation

  1. Von der Seite betrachtet: Einmal gerade über das Stumpfende ziehen (von hinten nach vorn)
  2. Von oben betrachtet: dann diagonal straff über die Ecken ziehen
  3. Von oben betrachtet: und in diagonalen Achtertouren (Kornährentechnik)
  4. Von oben betrachtet: bis in die Leiste wickeln, in jedem Fall über das Gelenk so hoch wie möglich

Wichtig: Zug der Bandage auf die Wickeltour von distal nach proximal. Die Tour von proximal nach distal wird ohne Zug gelegt.

Wickeltechnik bei Unterschenkelamputation. © S. Paulyn

Wickel bei Oberschenkelamputation

  1. Proximal in Leistenhöhe locker einmal zirkulär herumwickeln, um die Weichteile zu fassen. Die darüber liegenden Binden rutschen so später nicht herunter.
  2. Diagonal straff über die Ecken ziehen (über den unteren Zug). Zug der Bandage auf die Wickeltour von distal nach proximal. Die Tour von proximal nach distal wird ohne Zug gelegt.
  3. In Achtertouren (Kornährentechnik) bis in die Leiste wickeln.
Wickeltechnik bei Oberschenkelamputation. © S. Paulyn
A: CAVE! Falsch gewickelter Stumpf; B: Richtig gewickelter Stumpf © S. Paulyn, Brandes & Diesing

Kompressionsstumpfstrumpf

  • Sobald die Wunde nicht mehr nässt und alle Drainagen entfernt wurden, kann ein Kompressionsstrumpf für den Stumpf individuell angepasst werden. Der Strumpf erleichtert die Kompressionstherapie, sorgt für die Formung des Stumpfes und wird anstelle eines Kompressionswickels verwendet.
  • Die Wundnaht muss mit Verbandsmaterial abgedeckt sein, solange die Fäden nicht entfernt wurden.
  • Der Kompressionsstumpfstrumpf kann von Patienten selbstständig angelegt werden.
A: CAVE! Falsch angelegter Kompressionsstrumpf; B: Korrekt angelegter Kompressionsstrumpf. © Brandes & Diesing

Post-OP-Liner

  • Post-OP-Liner werden aus einem speziellen Silikon mit geringer Wandstärke, hoher Elastizität und definiertem Kompressionsverlauf hergestellt.
  • Nach dem entfernen aller Drainagen kann der Post-OP-Liner angelegt werden. Die Wundnaht wird mit Verbandsmaterial abgedeckt und der Post-OP-Liner kann auf den Stumpf gerollt werden.
  • Das Anlegen eines Liners übt Scherkräfte auf den postoperativ, noch nicht verheilten Stumpf aus. Die Notwendigkeit eines Post-OP-Liners sollte in Abgrenzung zu herkömmlichen Techniken der Kompressionsbehandlung abgewogen werden.

Stumpf-Lagerung

Sowohl nach einer gefäßbedingten Oberschenkel- als auch einer Unterschenkelamputation ist der Stumpf entweder in Neutral-Null-Position oder Extension zu lagern, keinesfalls aber in Flexion mit z.B. einem Kissen. Bei onkologisch oder traumatisch bedingten Amputationen könnte allerdings eine Hochlagerung indiziert sein. Häufiges Sitzen im Rollstuhl oder im Bett sollte in der postakuten Phase ebenfalls zur Kontrakturprophylaxe vermieden werden.