2. Bewegung, Kraft und Mobilität

Reiter

  • Das Training des Allgemeinzustandes hat in dieser Phase Vorrang vor dem Training des Stumpfes. Eine verfrühte Aktivierung des Stumpfes, kann unerwünschte Folgen haben, wie z.B. das "Aufreißen" der Wunde oder die Verletzung der frisch vernähten Muskulatur.
  • In dieser Phase liegt der Fokus auf der Vermeidung immobilisationsbedingter Folgeschäden. Die motorische Kompetenz und die Muskulatur in den nicht betroffenen Körperbereichen wird durch regelmäßige Eigenübungen erhalten. Passive und aktive Bewegungsübungen erfolgen im Rahmen des chirurgisch vorgegebenen Umfanges und dienen der Verhinderung immobilisationsbedingter Kontrakturen. Des Weiteren stehen die Vermeidung von Begleiterkrankungen und die Mobilisation in Sitz und Stand mit Hilfsmitteln im Vordergrund der Therapie. Schmerzen sollten möglichst durch entsprechende Medikation reduziert werden (CAVE: Erhöhung des Sturzrisikos durch zu hochdosierte Schmerzmedikation).
  • Hinweis zum Sturzrisiko: Im Allgemeinen müssen alle beteiligten Professionen – allen voran die Pflege – auf das erhöhte Sturzrisiko achten. Nicht selten „vergessen“ Patient/innen, dass sie amputiert wurden und fallen beim (vor allem nächtlichen) Verlassen des Bettes für den Toilettengang auf den Stumpf, was zu (weiteren) Wund- und Nahtproblemen führen kann.

Allgemeine Therapiecheckliste

  • Medikamentöse Analgesie
  • Pneumonieprophylaxe
  • Thromboseprophylaxe
  • Herz-Kreislauftraining
  • Kontrakturprophylaxe
  • Ödemresorption
  • Mobilität erhalten und verbessern
  • Muskelaktivität erhalten
  • Gleichgewichts-und Koordinationstraining
  • Steh- und Gangschule

Physiotherapie bis zur Wundheilung

Pneumonieprophylaxe, Atemtherapie

  • Kontaktatmung
    • Bewegung einer auf dem Thorax oder Abdomen liegenden Hand spüren, dabei mit der Hand leichten Führungswiderstand geben.
    • Wirkung: Atemlenkung, Atemberuhigung.
    • 10 Wiederholungen, 3mal täglich.
  • Forcierte Ausatmung
    • Atemwahrnehmung, aktive tiefe Atemzüge ausführen, z.B. ein Nasenloch zu halten, durch Lippenbremse oder Strohhalm ausatmen.
    • Tönend auf "ffff", "schsch", "mmmmm" ausatmen.
    • Wirkung: Verbesserung der Ausatemphase, des Sekrettranports, Weithalten zentraler Atemwege.
    • 8-10 Wiederholungen, nach Möglichkeit jede Stunde oder alle 2 Stunden.
Kontaktatmung und forcierte Atmung. © PRM MHH

Thromboseprophylaxe und Herz-Kreislauftraining

  • Passiv, assistiv, aktive Bewegungen der vorhandenen Extremitäten.
    • z.B. Ausstreichen von distal nach proximal, passives durchbewegen der Extremitäten,
    • aktive dynamisch, rhythmische Fuß- und Bein- und Armbewegungen.
    • Mindestens 8-10 Wiederholungen / 5mal täglich.
  • Möglichst frühzeitige Mobilisation in Sitz und Stand mit Unterstützung.
  • Kompressionsbestrumpfung der gesunden Extremität ("Anti-Thrombose-Strumpf").
Herz-Kreislaufaktivierung durch Bewegungsübungen der oberen Extremität postoperativ. © PRM MHH

Kontrakturprophylaxe

  • Achsengerechte endgradige passive, assistive, aktive Bewegungen der erhaltenen Gelenke

© PRM MHH

  • Vermeidung von Flexions- Abduktions- und Außenrotationskontrakturen der betroffenen Extremität.
  • Lagerung des Stumpfes beachten: Lagern Sie ihre betroffene Seite möglichst ohne Kissen in Hüfte und Knie gestreckt, damit unten (s. Bild) gezeigte Kontrakturen vermieden werden können. 
A: Beugekontraktur Hüftgelenk; B: Beugekontraktur Kniegelenk. © PRM MHH

Ödemresorption

  • Lagerung (Hochlagerung; über Herzhöhe unter Beachtung der Limitierung durch den Operateur).
  • Ausstreichungen von distal nach proximal.
  • Manuelle Lymphdrainage.

© PRM MHH

Mobilität erhalten und verbessern

  • Transfertraining über die nichtbetroffene Seite in den Sitz und Stand.
  • Aufstehen und Hinsetzen üben: mit Hilfsperson die seitlich stehend unter der Achsel unterstützt.
  • Transfertraining Sitz-Stand-Rollstuhl/ Sessel: mit Hilfsperson die vor dem Patienten, oder seitlich auf der nicht betroffenen Seite steht und unter den Achseln unterstützt.

© PRM MHH

Muskelaktivität erhalten

  • aktives Bewegen mit und ohne Gerät (z.B.Hanteln, gefüllte Wasserflaschen, Theraband) auch gegen Widerstand.
  • Isometrische Kräftigung: Muskelanspannung ohne Bewegung.
    • zum Beispiel: Rückenlage, ziehen Sie die Fußspitzen und Hände Richtung Nase und Strecken Ellenbogen und Knie, ziehen Sie das Kinn zum Hals und drücken nun Fersen und Handgelenke fest in die Unterlage. Halten Sie die Spannung für 20 Sekunden. Wiederholen Sie dies 8-10mal.
Aktives Bewegen mit kleinen Gewichten (z.B. Wasserflaschen). © medJUNGE

Gleichgewichts- und Koordinationstraining

  • freier Sitz und Stand erarbeiten, hier kann durch eine Hilfsperson Widerstand am Rumpf gegeben werden, dies ist auch im Stand möglich, dabei werden die Widerstände am Becken und am Schultergürtel gesetzt.
  • Kommando: „Lass Dich von mir nicht wegdrücken“.
  • Standtraining, Gewichtsverlagerung auf die Arme, mit Hilfsmittel Gehwagen/Thekenwagen, Unterarmgehstützen.

Gangschule

  • mit entsprechenden Hilfsmittel: Gehwagen/Thekenwagen, Gehbock, Unterarmgehstützen.
  • 3 Punkt Gang erarbeiten:
    • Schritt mit gesunder Extremität durch Unterstützung des entsprechenden Hilfsmittels mit Abstützung der Arme.
    • Der Stumpf schwingt dabei mit, das gesunde Bein geht einen Schritt vor und das betroffene Bein/ amputierte Bein bewegt sich nach hinten. (Physiologisches Gangbild).

© PRM MHH

Komplikationen

  • Sturz 
  • Wunddehiszenz 
  • Infekt 
  • Thrombose
  • Schädigung der frisch inserierten Muskulatur 
  • Kontrakturen (Lagerung beachten!)
  • Unzureichende Kraft
  • mehrfach-Verletzungen/Amputationen die eine Mobilisation erschweren