1. Aktivitäten des Alltags (ADL)

Reiter

  • In der physio- und ergotherapeutischen Behandlung nach einer Amputation geht es vor allem darum, die größtmögliche Selbstständigkeit wieder zu erlangen. Barrieren im Lebensalltag müssen identifiziert und nach Möglichkeit beseitigt oder modifiziert werden, um die Rückkehr in das gewohnte Umfeld und den Alltag bestmöglich zu gestalten.
  • Nach einer Amputation kann es bei verschiedenen Alltagaktivitäten zu Schwierigkeiten kommen. Diese sind bei jedem Patienten individuell zu bewerten. Deshalb ist auch eine individuelle Therapie, die auf die Bedürfnisse und Anforderungen eines jeden Patienten ausgelegt ist, wichtig. Jemand der im Garten arbeiten möchte, benötigt andere Strategien als jemand, der mit seinem Hund spazieren gehen oder der in seiner Freizeit z.B. Tanzen oder Kegeln gehen möchte.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzt*inne, Pfleger*innen, Physio- und Ergotherapeut*innen erleichtert es Therapieziele zu definieren und letztendlich umzusetzen.

Die Überprüfung des häuslichen Umfelds sollte so früh wie möglich durchgeführt werden, da die Umsetzung, je nach Aufwand, länger dauern kann. Wenn das häusliche Umfeld angepasst wurde, zeigen sich dennoch häufig Probleme bei der Umsetzung von Alltagsaktivitäten. Diese können dann trainiert werden. Leider lässt sich das häusliche Umfeld nicht immer adäquat umgestalten so dass ein Umzug nötig sein kann.

  • An- und Auskleiden:
    • Anpassung der Kleidung (weite Hosen, flexibler Stoff, Länge anpasssen, Reißverschluss am Hosenbein der betroffenen Extremität einnähen oder Jogginghose mit Druckknöpfen verwenden)
    • Sichere Schuhe um Stürze zu vermeiden
    • Anziehhilfen einsetzen
    • Sturzvermeidung (im sitzen/liegen ankleiden, Tischkante/Wand zum abstützen nutzen) 
  • Zubereitung von Frühstück, Mittag- und Abendessen:
    • Sitzend am Tisch, stehend mit Stehhilfe am Tisch / Herd
    • Sollte es einen Esstisch in der Küche geben, so müssen Speisen, Geschirr und Besteck nicht weit transportiert werden
  • Erreichen von Schränken / Schrankinhalt:
    • Oberschränke sind nicht zu erreichen: notwendige Inhalte in erreichbare Höhen umsortieren
  • Transportieren von Gegenständen:
    • Taschen am Rollstuhl befestigen, auf dem Schoß, Rollator mit Tablett oder Umhängetasche, Rucksack beim Gehen
  • Innenräume allgemein:
    • Rollstuhlnutzung: Sind die Türen für einen Rollstuhl breit genug? Ist ggf. eine Verbreiterung der Tür möglich?
    • Stolperfallen beseitigen: Kabel, Türschwellen, Teppichkanten, Gegenstände, die die Wege einschränken
  • Fortbewegung in Innenräumen:
    • Hilfsmittel: Rollstuhl, Gehbock, Unterarmgehstützen, Handstock
    • Standfeste Möbel ggf. zum Abstützen nutzen
  • Badezimmer:
    • Anbringen von zusätzlichen Griffe z.B. in der Dusche, im Bereich der Toilette zum Aufstehen von der Toilette, zum Festhalten, wenn man am Waschbecken steht
    • Baden: Badewannenbrett
    • Duschen: Duschhocker
    • Waschen: Höhe des Waschbeckens ggf. anpassen, Stuhl oder Stehhilfe nutzen
    • Spiegel ggf. auf niedrigerer Höhe anbringen oder Spiegel in gekipptem Winkel anbringen
    • Handtücher und Waschutensilien in erreichbarer Höhe und Weite deponieren
    • Benutzung der Toilette mit Toilettensitzerhöhung
    • Toilettengang nachts / wenn keine Prothese getragen wird:
      • Gehen mit zwei Unterarmgehstützen im Dreipunktgang üben
      • Toilettenstuhl neben dem Bett
      • Urinflasche am Bett
  • Wäsche waschen / aufhängen:
    • Erreichbare Möglichkeit Wäsche aufzuhängen, z.B. Wäscheständer in der Wohnung
    • Transport der Wäsche in einem Beutel am Rollstuhl oder auf dem Schoß, auf dem Rollator oder im Rucksack
  • Der Weg ins Haus / in die Wohnung / über Treppen:
    • Vorhandenen Rollstuhl bis zur Treppe schieben.
    • Mit 2 Unterarmgehstützen, mit 1 Unterarmgehstütze und einem Handlauf oder an 2 Handläufen im Nachstellschritt die Treppe hinauf (erhaltenes Bein zuerst) bzw. im Nachstellschritt (Prothesenbein zuerst) oder alternierend die Treppe hinunter
    • Handlauf auf beiden Seiten der Treppe anbringen, da zwei Handläufe das Treppen gehen erleichtern.
    • Bei kurzen Treppen mit wenigen Stufen im Außenbereich könnte eine Rampe auf die Treppe gelegt werden.
    • Wenn Hilfsmittel nicht eingesetzt werden können / es keinen Handlauf gibt: auf dem Po die Treppe hinauf und hinunterrutschen
Treppesteigen mit einem Handlauf. © S. Paulyn
  • Fortbewegung im Außenbereich:
    • Rollstuhl
    • Hilfsmittel für das Gehen nutzen
    • Bei Unsicherheit eine Hilfsperson bitten mitzugehen
    • Fahrrad: Kann bei unzureichender Kniebeugung mit einer Spezialpedale und variierendem Winkel umgebaut werden
    • Auto:
      • Ein-/Aussteigen: Transfer vom Rollstuhl ins Auto mit Rutschbrett
      • Verladen des Rollstuhls durch Hilfsperson
      • Amputation linke untere Extremität: Automatikfahrzeug
      • Rechte untere Extremität: Umrüstung in den meisten Fällen notwendig
      • Armamputation einseitig: Umrüstung der Hebel von der betroffenen Seite des Autos auf die erhaltene Seite notwendig, Knauf am Lenkrad
      • Beidseitige Armamputation: Autofahren nicht möglich
      • Ob Auto gefahren werden darf mit der Versicherung und ggf.mit dem TÜV abklären
      • Fahrstunden mit umgebautem Fahrzeug
      • Fahrtüchtigkeitsprüfung ablegen
    • Öffentliche Verkehrsmittel
  • Spazierengehen mit Hund
    • Um Sturzrisiken zu vermeiden, sollte der Hund verlässlich ohne zu ziehen an der Seite an der Leine gehen. Eine 1-2m Flexileine eignet sich hierfür nur bedingt. Wenn der Hund von links nach rechts läuft, so birgt dies für den Besitzer die Gefahr zu stolpern oder gar zu fallen.
    • Ziel ist es immer, dass der Hund verlässlich auch ohne Leine spazieren gehen, also dass er abgerufen werden kann und sofort kommt. Er sollte automatisch an Bordsteinkannten sitzen bleiben und erst auf ein Kommando wie z.B. „Lauf“ die Straße überqueren, auch, wenn ein Artgenosse auf der anderen Straßenseite „lockt“.
    • Schleppleinen helfen dem Hund zu lernen, sich nicht zu weit von seinem Menschen zu entfernen. Sie stellen jedoch ein sehr großes Risiko zu stolpern dar, da sich sieben bis zehn Meter Leine über den Weg verteilen können, wenn der Hund nicht strikt geradeaus läuft.
    • Wer mit Gehhilfen unterwegs ist, hat maximal eine, manchmal aber auch keine Hand frei, um eine Leine sicher fest zu halten. Armamputierte benötigen ebenfalls eine Lösung, um ihren Hund sicher zu führen.
    • Sowohl bei Arm- als auch Beinamputierten eignet sich eine Joggingleine, deren Länge flexibel ist, da sie aus einem elastischen Material besteht. Sie werden i.d.R. an einem Gurt um die Taille befestigt. Durch Zug in der Mitte des Rumpfes verliert man nicht so schnell das Gleichgewicht, wie durch Zug zu einer Seite mit verlängertem Armhebel. Der Bauchgurt sollte dabei nicht um die Taille, sondern um das Becken fixiert werden, um die Lendenwirbelsäule zu schonen, sollte der Hund doch einmal kräftig oder ruckartig ziehen. Der Hund lernt, dass er, sobald er zieht, zurückgezogen wird. Viele Modelle haben eine Tasche am Gurt, in dem Schlüssel, Handy und Leckerlis verstaut werden können.
    • Eine weitere Möglichkeit sind Handschlaufen, die mittels Karabinerhaken an einer normalen Leine eingeklinkt werden können. Sie ermöglichen den Einsatz von NordicWalking Stöcken sowie allen anderen Gehhilfen.
Verwendung einer Handschlaufe und einer Joggingleine. © S. Paulyn

  • Einkaufen:
    • Unterstützung durch Nachbarn oder Familie bzw. Bringdienst
    • Einkäufe können begrenzt im Rollstuhl oder Rollator transportiert werden
    • Einkaufswagen statt Gehhilfen nutzen
  • (Körper-)Positionen wechseln:
    • Transfer von Rollstuhl ins Bett mit Rutschbrett
    • Bei höhenverstellbaren Betten: Höhe, die Aufstehen- und Hinsetzten erleichtert, anpassen
    • Niedrige Sitzfläche: festes Kissen als Erhöhung
    • Stuhl mit Armlehnen erleichtert das Aufstehen
    • Hilfsmittel zum Stabilisieren vor den Patienten stellen: Gehbock, Rollator mit angezogenen Bremsen
    • Stuhl sollte, wenn Patient sehr unsicher ist und Wegrutschgefahr besteht, von hinten durch eine Person oder Wand gesichert werden.

Bei allen Überlegungen sollte die Sicherheit im Vordergrund stehen. Eine weitere Verletzung oder Überlastung muss vermieden werden. Zusätzliche Probleme können sich durch Begleitverletzungen ergeben, wenn z. B. zusätzlich zur Amputation auch die Arme verletzt sind, muss auch dies berücksichtigt werden.