1. Für Behandler und medizinisches Fachpersonal
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Nach einer Amputation können verschiedene Gefühlsphasen auftreten:
- Wut
- Fassungslosigkeit/Verleugnung
- Verhandeln
- Tiefe Trauer, Depression
- Akzeptanz

- Wut: Die Betroffenen können wütend werden, wenn sie beginnen, die mit dem Verlust verbundenen Gefühle zu verarbeiten. In der Phase der Wut kann eine Person frustriert, nachtragend, reizbar oder pessimistisch sein.
- Verleugnung: Die Verleugnung hilft, den Schmerz über einen schweren Verlust zu lindern. Es kann sich wie Betäubung, Schock oder Verwirrung anfühlen. Menschen in der Verleugnungsphase vermeiden es möglicherweise, an den Verlust zu denken oder darüber zu sprechen.
- Verhandeln: Verhandeln kann sich wie Schuldgefühle, Angst und Unruhe anfühlen. Jemand, der sich in der Verhandlungsphase befindet, denkt vielleicht an die Vergangenheit zurück und wünscht sich, etwas anders gemacht zu haben.
- Tiefe Trauer, Depressionen: Irgendwann im Laufe des Trauerprozesses wird einer Person klar, dass Verhandeln keine Option ist. Sie beginnen, die Situation realistisch zu betrachten und spüren die Intensität ihres Verlusts. Depressionen sind durch Traurigkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung gekennzeichnet. Wer depressiv ist, hat möglicherweise weniger Energie und zieht sich von anderen zurück.
- Akzeptanz: Wenn jemand Akzeptanz erreicht hat, kämpft er nicht mehr gegen die Realität an und versucht auch nicht mehr, sich etwas Anderes zu wünschen. Sie können immer noch traurig sein, aber es ist weniger wahrscheinlich, dass sie Wut empfinden oder ihren Verlust leugnen. Sie sind in der Lage, mithilfe von Bewältigungsstrategien der Gegenwart zu leben, mit schwierigen Gefühlen auf gesunde Weise umzugehen und ehrlich über ihre Gefühle zu sprechen. Menschen mit einer Amputation erreichen die Phase der Akzeptanz häufig erst, wenn sie ihre Prothese selbstkontrolliert „laufen“ oder „bedienen“ können.
Nicht jeder bewältigt diese Situation gleich und erfährt die Phasen in unterschiedlicher Reihenfolge und Frequenz. Sind Menschen mit einer stressigen Situation konfrontiert, reagieren sie mit unterschiedlichen Bewältigungsstrategien, d. h. sie unternehmen vielfältige Verhaltens- und kognitiven Anstrengungen, um ihr Wohlbefinden wiederzuerlangen oder zu erhalten. Das Wichtigste dabei ist, Akzeptanz (zurück-) zu finden. Dafür muss man seinen individuellen Bewältigungsweg entwickeln. Anpassung ist das Ergebnis der Anwendung verschiedener Bewältigungsstrategien. Bewältigungsstrategien, die auf Emotionen abzielen, die durch ein belastendes Ereignis hervorgerufen wurden, sind nachweislich effektiv in der psychosozialen und funktionellen Anpassung.
Nach einer Amputation können Betroffene mit weiteren belastenden Situationen wie Phantomschmerzen, dem Verlust der funktionellen Unabhängigkeit und Problemen mit dem neuen Körperbild konfrontiert sein. Möglich ist auch, dass die eigenen Bewältigungsfähigkeiten stark beansprucht sind, so dass die Betroffenen mit der anstehenden Aufgabe überfordert sind.
Folgende Bewältigungsstrategien können hilfreich sein, um den neuen Körper und die neue Lebenssituation zu akzeptieren:
- Selbstkontrolle (Self-controlling)
- Suche nach Soziale Unterstützung (social support)
- Positive Neubewertung der Situation durch Aufarbeitung (positive reappraisal)
- Planvolles Lösen von Problemen (Planful problem solving)
- Distanzierung (Distancing)
- Konfrontative Bewältigung (Confrontive coping)
- Flucht-Vermeidung (Escape-avoidance)
- Übernahme von Verantwortung (Accepting responsibility)
Hier sind ein paar Tipps und Beispiele:
- Selbstkontrolle
- Selbstkontrolle über den veränderten Körper zurückzuerhalten gelingt erfolgreich durch Wiedererlangung der Körperkontrolle. Kleine Erfolge durch gezielte Gleichgewichtskontrolle in der Physiotherapie und durch eigenes Training, regelmäßiges Schlafen (Tagesablaufkontrolle), gute Ernährung. Durch Selbstgestaltung, Selbstkontrolle zu erfahren ist sehr effektiv. Informationen und Tipps können Ärzte, Schwestern, Techniker, Therapeuten oder das Web geben. Durch Information können gezielt Unsicherheiten & Ängste abgebaut werden. Motivation: Aktiv statt passiv!
- Soziale Unterstützung
- Alle Mitbeteiligten im Versorgungsprozess, Familie & Freunde, sogenannte Peers (selbst Betroffene) können eine gute Unterstützung geben. Praktischer und emotionaler Support können sehr effektiv Traurigkeit, Angst und Isolation abbauen.
- Peer support beschreibt die Unterstützung und Beratung durch Betroffene. Der Peer Support ermöglicht andere Amputierte zu beobachten und von ihnen lernen, wie Herausforderungen "erfolgreich" gemeistert werden können. Besonders effektiv ist Peer-Support im Abbau von Angst (vor dem Unbekannten, der neuen Situation). Das Netz bietet zahlreiche Möglichkeiten, um mit Betroffenen in Kontakt zu treten, z.B.:
- Instagram
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- Amputee Coalition
- Limbs4life
- Instagram
- Positive Neubewertung
- Helfen Sie Ihrem Schützling dabei, die Situation positiv neu zu bewerten. In einfachen Worten meint dies: nicht Schwarzmalen! Der Perspektivenwechsel gelingt, wenn Sie den Betroffenen an die eigenen Leistungen erinnern, sowohl in Bezug auf die Rehabilitation und Genesung als auch auf das Leben im Allgemeinen. Think positive!
- Planvolles Lösen
- Ein Plan ist wie ein Kompass: man irrt nicht im Dunkeln. Er gibt Sicherheit. Ein guter Einstieg ist die Teilnahme an einfachen, sinnvollen Lebensaktivitäten wie Duschen, sich mit Freunden treffen, Spazieren, Frühstück vorbereiten, einfach Normalität verschaffen. Sie können die Betroffenen aktiv anstoßen, indem Sie nach Tagesplänen fragen, diese gemeinsam verfassen, um mehr Struktur im Alltag zu geben. Dies ist ein sehr effektives Tool, insbesondere bei initialer Hilflosigkeit. Ziel ist es, dass die Betroffenen erkennen, dass Planen auch Selbstbestimmung bedeutet, ein Gefühl der Normalität vermittelt und hilft ein gutes Selbstwertgefühl (zurück) zu erlangen.
- Konfrontation
- Wer kennt dies nicht? Aufstehen und Wegrennen und die Sorgen, Angst und beunruhigenden Gedanken einfach hinter sich lassen. Dies geht schnell und tut manchmal gut - häufig leider nur kurzfristig. Insbesondere im Umgang mit dem neuen Körperbild sollten wir die Betroffenen ermutigen sich damit zu konfrontieren, um dieses besser zu akzeptieren. Gehen Sie gemeinsam mit dem Betroffenen vor den Spiegel, das eigene Spiegelbild anschauen, den Körper pflegen, den Stumpf streicheln, eincremen massieren unterstützt die Akzeptanz des neuen Ichs! Mehr Tipps im Web.
- Distanzierung
- Warum distanzieren? Als Resultat der Verrechnung des neuen Body-Images ist eine Neudefinition sehr wirkungsvoll. Nach einer initialen Konfrontation (kaltes Wasser) hilft diese Distanzierung dem Betroffenen sich weniger als kranke Person zu sehen und vielmehr als selbstbestimmter Mensch. Um den Druck abzubauen, sollte eine Distanzierung schrittweise erfolgen durch Ablenkung und den Abbau von Hilfe. Hin zum Aktivismus, Loslösen von den Fremdbewertungen durch Kommentare Dritter. Erklären Sie den Betroffenen bei Wut, Trauer und Verzweiflung durch Dritte daraufhin, dass Kommentare unbeteiligter Personen komisch/unangebracht oder verletzend sein können, weil viele Menschen nicht wissen, wie sie mit dem Betroffenen umgehen sollen. Diese Menschen wissen nicht, wie sie mit ihren eigenen Emotionen umgehen können. Deshalb ist es wichtig zu lernen, sich diese Worte bzw. Blicke nicht "zu Herzen" zu nehmen. Ermutigen Sie die Betroffenen stets dazu!
- Verantwortung
- Bewusstsein für Verantwortung bedeutet erfahren von Selbstbestimmtheit! Dies bedeutet auch Verantwortung für die Prothese zu übernehmen, diese zu verstehen und zu pflegen (Prothesengebrauchsschulung), den Stumpf zu pflegen, den Körper zu pflegen und fit zu halten sowie eine Gewichtszunahme zu vermeiden!
Weitere Tipps:
- Selbstwertgefühl aufbauen und festigen mit den 3 S’s:
- Support-Team,
- Selfcare (Hobbies und Interessen neu entdecken/weiterführen, Bewegung etc.)
- SpiritualGrowth
- Bewegung hilft nicht nur den Stress und andere negative Emotionen zu lösen, sondern trägt der allgemeinen Gesundheit bei, was gleichzeitig auch den Heilungs- und Rehabilitationsweg beschleunigen kann.
- AKZEPTANZ bedeutet auch die neue Situation realistisch zu beäugen. Heutige Hilfsmittel sind schon auf einem hohen technischen Niveau, jedoch wird keines dieser Mittel die fehlende Extremität 1:1 rekonstruieren können. Es gilt das Beste daraus zu machen und sich auch über kleine Errungenschaften zu freuen! Der Optimismus muss nicht darunter leiden, das Leben wird durch die neue Situation nicht automatisch weniger lebenswert.
- Auch Angehörige sollten sich über die Bewältigungs-Prinzipien informieren, um der betroffenen Person ggf. eine wichtige Stütze sein zu können.
Vermeiden maladaptiver Bewältigungsstile
- Fehlangepasste Bewältigungsstile können ein Anzeichen dafür sein, dass sich eine Person nicht gut auf die Amputation einstellt. Auch wenn es für niemanden leicht ist, mit dem Verlust von Gliedmaßen umzugehen, können fehlangepasste Bewältigungsstile, die Heilung von Menschen verhindern. Hier sind drei verschiedene maladaptive Bewältigungsstile aufgelistet:
- Überkompensation:
- Überkompensation bedeutet, sich in einer Weise zu verhalten, die den eigenen Gefühlen entgegengesetzt ist. Menschen mit Amputationen können überkompensieren, indem sie Hilfe ablehnen, selbst wenn sie sie brauchen.
- Vermeiden:
- Vermeidung bedeutet, dass eine Person ihr Verhalten ändert, um zu vermeiden, an ein Problem zu denken oder sich damit auseinanderzusetzen. Zu den Vermeidungsstrategien kann es gehören, sich von anderen zu isolieren oder selbstberuhigenden Maßnahmen (Drogenmissbrauch) nachzugehen.
- Aufgeben:
- Beim Bewältigungsstil des Aufgebens lässt eine Person zu, dass sie sich über das erforderliche Maß hinaus von anderen abhängig macht. So könnte sich jemand beispielsweise weigern, eine Rehabilitationsmaßnahme zu besuchen, und stattdessen ein hohes Maß an Betreuung verlangen.
- Bei unangepassten Bewältigungsstilen kann ein Gespräch mit einer Therapeutin bzw. einem Therapeuten hilfreich sein, um effektivere, nachhaltige und gesündere Wege zur Bewältigung der Gefühle zu finden. Es ist nie zu spät, negative Denkmuster durch solche zu ersetzen, die Wachstum fördern.
- Bei folgenden dauerhaften Symptomen sollten Amputierte einen Arzt aufsuchen. Sie können Zeichen einer mittel- (schweren) Depression sein:
- Müdigkeit oder Energielosigkeit
- Anhaltende Gefühle von Traurigkeit, Wertlosigkeit, Schuld oder Hoffnungslosigkeit
- Selbstmord- oder Selbstverletzungsgedanken
- Schlafschwierigkeiten oder Verschlafen
- Verlust des Interesses an Hobbys oder Aktivitäten, die Ihnen früher Spaß gemacht haben
- Erhebliche Gewichtsabnahme
- Überkompensation:
- https://pamhealth.com/company/company-updates/coping-with-limb-loss-tips-and-strategies
- https://www.limbs4life.org.au/news-events/news/practical-coping-strategies-to-help-amputees-and-their-families
- Verra, M. L., Angst, F., Lehmann, S., & Aeschlimann, A. (2006). Translation, cross-cultural adaptation, reliability, and validity of the German version of the Coping Strategies Questionnaire (CSQ-D). The Journal of Pain, 7(5), 327-336.
- Couture, M., Desrosiers, J., & Caron, C. D. (2012). Coping with a lower limb amputation due to vascular disease in the hospital, rehabilitation, and home setting. International Scholarly Research Notices, 2012.
- Livneh, H., Antonak, R. F., & Gerhardt, J. (1999). Psychosocial adaptation to amputation: The role of sociodemographic variables, disability-related factors and coping strategies. International Journal of Rehabilitation Research, 22(1), 21-32.
- Dadkhah, B., Valizadeh, S., Mohammadi, E., & Hassankhani, H. (2013). Psychosocial adjustment to lower-limb amputation: A review article. HealthMED, 7(2), 502-507.